Manfred Jakubowski Tiessen Libros



Jahrhundertwenden
Endzeit- und Zukunftsvorstellungen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert
Isaac Newton errechnete den Anbruch des Reiches Gottes für das Jahr 2000. Wie bei anderen derartigen Berechnungen wird die Geschichte auch über dieses Datum hinweggehen. Doch warum übten Jahrhundertwenden auf die Menschen eine Faszination aus, warum wurden sie immer wieder zum Anlaß genommen, über die Vergangenheit und Zukunft nachzudenken? Die Autoren des Bandes untersuchen verschiedene Endzeitszenarien vom Spätmittelalter bis zur Zeit um 1900. Sie fragen, ob und auf welche Weise die jeweilige Jahrhundertwende auch als Zeitenwende, gar als Endzeit begriffen wurde. Daneben richtet sich der Blick auf das Spannungsverhältnis zwischen heilsgeschichtlichen Endzeitvorstellungen und weltlichen Zukunftserwartungen. So ergeben sich wichtige Einsichten in die Varianten des neuzeitlichen Säkularisierungsprozesses, in das Wechselverhältnis zwischen einer religiösen, heilsgeschichtlich orientierten Weltsicht und einem nicht religiösen, säkularen Weltverständnis.
Wie und auf welche Weise sich die Funktion der Religion in Krisen und Naturkatastrophen im Verlauf der langen Vormoderne zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert veränderte, ist Thema dieses Buches. Die Beiträge kreisen um signifikante Einzelfälle: um die Pest in der Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, um die fatale Hungerkrise von 1570, um die Flutkatastrophe an der Nordsee 1634 sowie um die zahlreichen und teilweise verheerenden Stadtbrände des 17. Jahrhunderts (so in Magdeburg 1614, in Oldenburg 1676, in Rostock 1677), um das katastrophale Erdbeben, das 1755 Lissabon zerstörte, schließlich um die verheerende Hungersnot im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Dabei zeigt sich, dass in Krisen- und Katastrophenzeiten die Konturen religiöser Überzeugungen einerseits deutlicher hervortreten als zu normalen Zeiten, andererseits in der Bewältigung und Deutung der Krise gefestigt, verworfen oder modifiziert werden. Die vergleichende Betrachtung gibt zugleich Aufschluss über Kontinuität und Wandel religiöser Weltbilder und Weltdeutungen und damit über den Verlauf des Säkularisierungsprozesses.